Das Neue Palais - Baugeschichtliches

Im Februar des Jahres 1882 erstellte der hannoversche Architekt Hermann Schaedtler (*1858, † 1931) im Auftrag des Fürsten Georg von Schaumburg (*1817, † 1893) einen ersten Entwurf für das Neue Palais.

Architekturgeschichtlich ist das Bauwerk vornehmlich dem Historismus zuzuordnen. Mit diesem Baustil sollte seinerzeit der Versuch unternommen werden, althergebrachte Stilrichtungen der Baukunst wie die Neuromanik, Neugotik, Neurenaissance und auch den Neubarock wieder zum Leben zu erwecken, wobei die Achtung vor dem Geist einer entsprechenden Formgebung die Forderung nach außergewöhnlicher handwerklicher Genauigkeit mit sich brachte. Neben dem Stilpluralismus des Historismus weist das Palais jedoch auch - ebenso wie das aus dem 14. und 16. Jahrhundert stammende Residenzschloss Bückeburgs - recht deutliche Bezüge zu der so genannten Weserrenaissance auf. Für diese Richtung der Baukunst, welche aufgrund einer besonderen wirtschaftlichen Blütezeit im Wesergebiet entstand und etwa von 1530 bis 1630 andauerte, ist wiederum kennzeichnend, dass mit ihr das antik-italienische Ornament bei der Fassadengestaltung betont Verwendung fand. Gerade in Norddeutschland zählte es zu den besonderen Merkmalen dieses recht eigenwilligen Baustils, durch zahlreiche dekorative Verzierungen einen deutlichen Bewegungsdrang auf die Fassade eines Bauwerks zu entfalten.

Der Grundriss des Palais stellt ein lang gestrecktes Rechteck dar, welches in seiner Breite (Nordfront) 55 und in seiner Tiefe (Westfront) 32,50 Meter misst. Von der Kellersohle bis zum Dachfirst beträgt die Höhe des Hauptgebäudes 31 Meter. Der große runde Turm ragt insgesamt 56 Meter hoch, während das Gebäude an seiner Südecke eine Höhe von 41 Metern aufweist. An der südlichen Gebäudefront (Parkseite) befindet sich die mit Balustraden umsäumte Terrassenanlage.

Die Außenwände des Gebäudes stellen ein so genanntes Bruchsteinmauerwerk dar, welches aus unregelmäßigen, grob zusammengefügten und mit Quarz verbundenen Steinen besteht. Die verbauten Natursteine selbst entstammen dem Obernkirchener Steinbruch, der für die ganz eigene Beschaffenheit und Farbe seines Sandsteins weltweit bekannt ist, wohingegen die Figuren und Säulen des Bauwerkes aus Nesselberger Stein hergestellt worden sind, der aufgrund des verwendeten und nicht sehr beständigen Bindemittels Kalk allerdings bereits an einigen Stellen bröckelt. An der Nordseite des Palais befindet sich das großzügig angelegte Hauptportal, dessen Fenster wie auch diejenigen der oberen Halle im Zuge der Rückbesinnung auf antike Bautraditionen mit Pilastern, also mit der Wand verbundenen, nur wenig aus ihr hervortretenden Pfeilern vorgeblendet sind. Auskragende Konsolen tragen Köpfe, welche die vier Stände ‚Adel’, ‚Klerus’, ‚Bürger’ und ‚Bauern’ sowie die vier Temperamente ‚Schwermut’, ‚Jähzorn’, ‚Gleichgültigkeit’ und ‚Heiterkeit’) und das damit ureigen verbundene Weltbild symbolisieren sollen. Weitere Verzierungen stellen das Wappen der Fürstin Hermine sowie der allerorten anzutreffende ornamentale Schmuck dar. Die Türme tragen Kupfer- oder Schieferdächer, zudem sind rundum schmiedeeiserne Halter für die kupfernen Wasserspeier angebracht.

Untere Halle

Im Untergeschoss des Bauwerkes befanden sich einstmals die Hofküche und die Backstube. Darüber hinaus waren auch noch die verschiedenen Wirtschaftsräume in diesem Teil des Gebäudes untergebracht. Die Erwärmung des gesamten Palais erfolgte durch eine Zentral-Dampfniederdruckheizung in Verbindung mit einer starken Ventilationsanlage. Überdies war das gesamte Palais erstaunlicherweise bereits in jener Zeit nicht nur voll elektrifiziert, sondern es wurde überdies zum Kochen auch schon Gas verwendet.

Die Türen der großzügig bemessenen Eingangshalle sowie die verzierten Wandverkleidungen bestehen aus Eiche und partiell aus Kiefer. Dabei lässt das Sterngewölbe den Übergang vom Renaissance- zum Barockstil deutlich werden. Der große offene Sandsteinkamin, reich mit Figuren geschmückt, trägt das kombinierte Wappen der beiden Fürstenfamilien: zum einen das Familienwappen des Fürstenhauses zu Schaumburg-Lippe und zum anderen das des adeligen Elternhauses der Fürstin Hermine zu Waldeck-Pyrmont.

Obere Halle

Von dem prächtigen Foyer des mittleren Traktes führt die imposante Haupttreppe in die vorgelagerte Halle des Obergeschosses. Aufwendig von insgesamt 16 Säulen umrahmt, lädt der großzügige Raum den geneigten Betrachter dazu ein, sich den kunstvoll gestalteten Details und der erlesenen Vielfalt der verwendeten Baumaterialen dieses eindrucksvollen Raumes hinzugeben. So sind die Oberkanten der Wände aus reich verziertem Marmorstuck angefertigt, während die Decke prunkvolle, üblicherweise mit der Hand modellierte Ausschmückungen aus Gipsstuck aufweist. Der aus dem so genannten Porto-Marmor erbaute offene Kamin bildet dabei aufgrund seiner dunklen Färbung einen sehr starken optischen Kontrast zu den sonstigen Gestaltungsmerkmalen. Gleichwohl dürfte allerdings die künstlerische Ausgestaltung des gesamten Deckenbereichs das beeindruckendste Element der Halle darstellen. So zeigt das mittlere Deckengemälde, von Oskar Wichtendahl entworfen, den „Triumph der Kultur über die Barbarei“. Desgleichen sind die sich daran anschließenden seitlichen Malereien von einer besonderen Motivik geprägt. Mit dem nördlichen Deckengemälde, welches als Einziges erhalten geblieben ist, versuchte der Künstler, die „Vier Lebensalter in Verbindung mit den Jahreszeiten“ zu versinnbildlichen.

Nebengebäude und Park

Das Nebengebäude des Palais, die Orangerie, welche der Überwinterung empfindlicher Gewächse diente, wurde im Frühjahr 1896 begonnen und zu einem Zeitpunkt fertig gestellt, dass die Pflanzen bereits am 1. November desselben Jahres darin untergebracht werden konnten. Die Parkanpflanzungen erfolgten hauptsächlich in den Herbstmonaten der Jahre 1894 und 1895.

Baugeschichte

Als der Bauherr im Mai des Jahres 1893 verstarb, wurde die Planung des Gebäudes kurzzeitig unterbrochen. Doch bereits am 25. Juni 1893 erteilte die Fürstenwitwe Hermine zu Schaumburg-Lippe (*1827, † 1910) den Bauauftrag. Nach der Genehmigung des überarbeiteten Entwurfs im August 1893 sowie dem Abschluss der entsprechenden Vorarbeiten konnte schließlich mit der Errichtung des Gebäudes begonnen werden.

Die Erstellung des Fundaments nahm erhebliche Zeit in Anspruch und konnte aufgrund der höchst unterschiedlichen Beschaffenheit des Baugrunds (Felspartien, Steinkohlelager, Ton- und Lehmschichten) erst am 30. September 1893 vollendet werden. An diesem Tag wurde auch der Grundstein unter dem rechten Hauptportalpfeiler gelegt.

Die Fertigstellung des Rohbaus erfolgte am 29. September des Jahres 1894, dem Geburtstag der Bauherrin, weshalb dieser Tag mit einem feierlichen Richtfest begangen wurde. Die steinerne Tafel mit einer Inschrift, welche sich an der Ostfront des südöstlichen Winkelbaues angebracht findet, soll vermutlich an dieses besondere Datum erinnern.

In den Jahren 1895 und 1896 wurden der Giebel, die Türme, Terrassen und sonstigen Vorbauten sowie der innere Ausbau des Palais vollendet.

Gegen Ende des Jahres 1896 war das Gebäude in seiner Gesamtheit bezugsfertig, so dass am 21. November der Einzug der Fürstin Hermine gefeiert werden konnte. Während ihrer Aufenthalte in Bückeburg bewohnte sie das Palais, und zwar bis zu ihrem Tod am 16. Februar 1910. In baulicher Hinsicht wurden an dem Gebäude in der Folgezeit kaum Veränderungen vorgenommen.

Besitzer-Folge

Nach dem Ableben ihres Gatten Fürst Georg diente das Gebäude ab 1911 der Schwiegertochter der Fürstin Hermine, Fürstin Maria Anna, als Witwensitz. Nach deren Tod wiederum ging das Anwesen 1918 in den Besitz des Fürsten Adolf über.

Am 15. November 1939 wurde das gesamte Gebäude von der Wehr-Kreisverwaltung als Reservelazarett angemietet. Nennenswerte Umbauten nahm man in dieser Zeit nicht vor. Am 9. April 1945 beschlagnahmte die britische Royal Air Force das durch den Krieg nicht beschädigte Gebäude und richtete in demselben ein Offizierskasino ein. Am 12. Dezember 1945 brach im Obergeschoss des Gebäudes ein Brand aus, dem das Dach mit einem großen Teil der von eigenen kleinen Strebebögen flankierten erkerförmigen Dachfenster (Lukarne), der Südwestgiebel und die Südwest-Erkerbekrönung zum Opfer fielen. Besonders im südwestlichen Obergeschossbereich richtete der Brand erhebliche Schäden an, und zwar vor allem an den mit dem Bau fest verbundenen Einrichtungstücken wie den Wandverkleidungen sowie Deckenvertäfelungen.

Nach der Rückgabe des Palais an seinen fürstlichen Eigentümer am 5. Januar 1946 wurde damit begonnen, das Gebäude wieder instand zu setzen. Zunächst wurde eine Notbedachung aus Wellblech aufgesetzt und anschließend das Innere des Baues wiederhergestellt. Noch vor dem Brand erfolgte eine vollständige Bauaufnahme, da seinerzeit Überlegungen bestanden, im Palais nach der Rückgabe eine Bildungsstätte für Lehrerinnen und Lehrer einzurichten. Dieser Plan fand allerdings keine Verwirklichung. Stattdessen wurden die Räume zu Einzelwohnungen zusammengefasst und bis 1955 vermietet.

Im Jahre 1960 mietete Herr Dr. Kurt Blindow des Palais als Schulgebäude an, um es 1969 von dem Fürsten zu Schaumburg-Lippe käuflich zu erwerben. Erst 1980 konnte das Dach wieder vollständig auf- und ausgebaut werden. Wiederum vier Jahre später erfolgte die Erneuerung der gesamten Heizungsanlage, der Elektrik sowie aller Fenster.

Bis heute dient das Palais als Ausbildungsstätte der Schulen Dr. Kurt Blindow.

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